Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


auf_dem_weg_zur_weihnachtsfeier

Auf dem Weg zur Weihnachtsfeier

Ich drehe den Zündschlüssel um, der Motor geht aus. Als ich ihn herausziehe verstummen die Nachrichten im Radio. Ein hastiger Blick auf die Uhr, obwohl er unnötig ist. Durch die Nachrichten weiß ich auch so, dass es erst kurz nach halb ist. Ich bin doch besser durchgekommen als gedacht. Noch den Beutel greifen und aussteigen. Abschließen per Funkschlüssel.

Mit den ersten Schritten weg vom Auto, ist er auf einmal da, der Akkord: A-Moll. Er weht herüber von einem kleinen Festzelt des anliegenden Weihnachtsmärktchen. Gefolgt einem C-Dur und einem D-Dur Akkord. Bei allen drei Akkorden werden die ersten beiden Saiten einzeln angeschlagen, den dritten Ton bilden die restlichen Saiten. So markant, dass ich schon bei A-Moll wusste, was jetzt gespielt wird. Und ich beschließe ins Zelt zu gehen. Warum auch nicht? Auch wenn es noch einiges zu erledigen gibt, so habe ich doch etwas Zeit über.

Als ich das Zelt durch einen der Seiteneingänge betrete, bleibe ich direkt neben dem Zugang stehen und sehe mich um. Der Gitarrist sitzt von mir aus gehen links hinten, links vorne und nach rechts sind die typischen Festzeltgarnituren aufgestellt. Es sind ungefähr die Hälfte der Plätze belegt. Es zieht etwas um die Beine, aber das ist mir egal, ich finde es sogar passend. Er beginnt zu singen:

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that's real

Ich singe mit, ganz leise, nur für mich. Es sind kaum mehr als brummen mit Lippenbewegungen. Ihm fällt auf, dass da jemand neues herein gekommen ist. Ich bin aber nicht wie die anderen, will nichts warmes zu trinken oder mich hinsetzen. Alles was ich will, ist zuhören. Zuhören und mitsingen. Nur für mich. Er sieht mich, wie ich ihm zusehe, und wie meine Lippen sich bewegen. Ein kurzes Lächeln zieht um seine Lippen, bevor er weiter singt.

What have I become
My sweetest friend?
Everyone I know
Goes away in the end

Es gröhlen ein paar Leute von einem der Tische aus mit, glücklicherweise nicht zu laut und sie geben auch schnell wieder auf. Ich singe weiter mit, nur für mich. Und lausche den Akkorden, die ich auch gerne so flüssig hinbekommen würde. Dazu müsste ich üben, und die Zeit ist leider begrenzt. Deutlich begrenzter als meine Faulheit.

Immerhin: bei den Strophen klappt das schon recht gut, aber der Refrain und die Übergänge bereiten immer noch Probleme.

I wear my crown of shit
On my liar's chair
Full of broken thoughts
I cannot repair

Mir fällt auf, das ich in der zweiten Strophe doch nicht ganz textsicher bin. Glücklicherweise singe ich leise, nur für mich. Er spielt vom Blatt und muss auch gelegentlich nach dem Text schielen, das entspannt mich etwas. Der Song geht mit dem zweiten Refrain seinem Ende entgegen.

Während ich weiter für mich mitsinge, werde ich jetzt wieder textsicherer. Mein Gehirn fängt an, durch Erinnerungen zu wandern. Ich habe das Video vor Augen, und sehe einen alten Mann, dem man ansieht, wie anstrengend sein Leben war. Kurze Ausschnitte vom selben Mann, nur jünger. Stationen aus seinem Leben.

You can have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

Obwohl es nicht der Fall ist, macht es den Eindruck, als wäre der Song extra für Johnny Cash geschrieben worden. Der Autor, Trent Reznor, Mastermind der Industrial Band „Nine Inch Nails“, hat es so beschrieben: „Nachdem ich das Video das erste mal gesehen hatte, hatte ich Tränen in den Augen und das Gefühl als hätte ich gerade meine Freundin verloren, denn das ist nicht mehr mein Song…“

Kurze Pause. Dann kommt das versöhnliche Ende des Songs.

If I could start again
A million miles away
I would keep myself
I would find a way

Es gibt ein bisschen Applaus, und ich gehe raus. Ganz bewusst durch einen anderen Zugang, so dass ich an ihm vorbei muss, und lege ihm ein Zwei-Euro-Stück auf seinen Notenständer. Er ruft mir hinterher: „Hey, danke!“ Ich drehe mich um, sehe ihm in die Augen und antworte: „nein, _ich_ habe zu danken“, und meine erkennen zu können, dass er mich verstanden hat. Wirklich verstanden.

Danke Universum. Ein wirklich schönes Weihnachtsgeschenk.

(gelesen Januar 2019 von SvOlli)

auf_dem_weg_zur_weihnachtsfeier.txt · Zuletzt geändert: 2020-03-06 16:33 von svolli