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Ich will sterben

Die Nachbarn meines Elternhauses waren nicht nur meine Nachbarn. Sie waren wie Großeltern für mich.

Ich nannte die beiden Mutti und Vati, reparierte Ihnen den Fernseher, löschte längst verstorbene Leute aus dem Adressbuch ihres Telefons und bekam zum Geburtstag immer den ein oder anderen Schein von den beiden. Sie erzählten mir immer, wie froh sie wären, eine Enkelin wie mich zu haben und ich freute mich darüber. Vati liebte es, seine Geschichten zu erzählen.

Im Krieg war er Pilot gewesen und erklärte mir immer, dass die Engländer ja anständige Leute sind, ihm haben sie das nie übel genommen, mit den Bomben. Die musste ja irgendwer abwerfen und die haben das ja schließlich auch gemacht. Das klang für mich zwar schon damals unlogisch, aber gut, er wusste es vermutlich nicht besser, sagte ich mir dann immer. Die beiden fuhren regelmäßig in den Urlaub, ihre Kinder, Enkel und Urenkel besuchen. Sie hatten einen riesigen Garten, den Mutti mit Hingabe pflegte. Sie gingen einmal die Woche zum Stammtisch.

Eines Tages erzählte mir Vati dann die Geschichte, wie er sich als Jugendlicher mit ein paar anderen Jungen geprügelt hatte, weil die seine Verlobte schief angeguckt hatten.

Kurz danach rief Mutti mich herüber, in Tränen aufgelöst, weil sie ihre Brille nicht fand – sie lag auf der Anrichte.

In diesem Jahr feierten die beiden Eiserne Hochzeit. Das kommt nach der Diamanthochzeit, und die kommt nach der Goldenen Hochzeit. Das sind 65 Jahre Ehe. Ich kann mich nicht mal entscheiden, was ich zum Mittag essen will und diese beiden hatten sich seit 65 Jahren füreinander entschieden.

Während der Feier beugte sich der alte Mann zu mir, grinste mich an und meinte: „Na, die Gnadenhochzeit in 5 Jahren, die schaffen wir ja wohl auch noch!“

Ich erschrak.

Dann erzählte mir Vati die Geschichte, wie er sich als Jugendlicher mit ein paar anderen Jungen geprügelt hatte, weil die seine Verlobte schief angeguckt hatten.

Eine Woche später klingelte nachts das Telefon – Vati war aus dem Bett gefallen und kam nicht mehr hoch. Wir zogen uns Schuhe an und halfen. Der alte Mann nannte mich Sabine – so heißt meine Mutter. Am nächsten Mittag lachten die beiden darüber und luden uns zum Kaffee ein.

Meine Eltern und Mutti und Vati teilten sich ein Zeitungsabo. Die Zeitung wurde nebenan zugestellt und einer der beiden Alten brachte sie dann gegen Mittag rüber. Dann regnete es und Mutti rief an, ob ich die Zeitung nicht holen könnte, es sei ja so weit bis zu uns.

Ich ging die sechs Meter zum Nachbarhaus und holte die Zeitung.

Dabei erzählte mir Vati die Geschichte, wie er sich als Jugendlicher mit ein paar anderen Jungen geprügelt hatte, weil die seine Verlobte schief angeguckt hatten.

Irgendwann brach Vati sich den Oberschenkelhals, eine klassische Alte-Leute-Verletzung. Normalerweise verlassen Menschen über 90 ein Krankenhaus nur noch liegend. Aber er schaffte es aufrecht wieder hinaus, bekam einen Rollator und musste jeden zweiten Tag die Straße hoch und runter laufen, zum üben. Dann kam er nur noch zweimal die Woche raus. Und dann sah ich ihn einen Monat lang nicht mehr draußen.

Immer wieder klingelte unser Telefon, gerne wieder nachts oder am frühen Morgen. Entweder war einer der beiden gefallen oder sie fanden ihre Tabletten nicht. Manchmal ging der Fernseher nicht an – wenn der Stecker nicht in der Steckdose war, kein Wunder.

Manchmal wollten sie aber auch einfach nur, dass einer von uns nach drüben kam, auf einen Kaffee. Dabei erzählte mir Vati dann immer die Geschichte, wie er sich als Jugendlicher mit ein paar anderen Jungen geprügelt hatte, weil die seine Verlobte schief angeguckt hatten.

Bevor ich in meine erste eigene Wohnung zog, ging ich rüber, um mich zu verabschieden. Mutti nannte mich erst Sabine, dann Lena und dann plötzlich Manuela.

Vati saß in seinem alten bequemen Sessel und blinzelte träge Löcher in die Luft. Als er nach zwanzig Minuten bemerkte, dass ich da war, erzählte er mir eine ganz tolle Geschichte, wie er sich mit ein paar Jungs prügeln musste, weil sie seine Verlobte schief angeguckt hatten…

Ich will mir nicht die Hüfte brechen.
Ich will niemanden einen falschen Namen geben und ich will nie meine Brille verlieren.
Ich will Einkaufen und spazieren gehen, ich will einen Schrebergarten haben.
Ich will nicht die selbe Geschichte hunderte Male erzählen, als sei sie etwas neues.
Ich will nicht jedes Jahr acht tote Freunde aus meinem Adressbuch löschen.
Ich will wissen, welches Jahr wir haben, welchen Monat, welchen Tag und welche Jahreszeit.
Ich will mir meinen Grabstein selbst aussuchen.
Ich will einfach sagen dürfen: ‚Auf Wiedersehen, ihr Lieben, es war schön.‘

Ich will sterben.

Wenn es soweit ist. Und nicht zu spät.

(Lena Beule, 2016)

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